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#musik#didgeridoo#geschichte

Warum ich 2007 aufgehört habe, Noten zu lernen

Ich habe Didgeridoo nie in einer Schule gelernt.

2007 in Lima — einer Stadt, die niemals schläft, niemals schweigt — hörte ich zum ersten Mal diesen Klang. Nicht auf einer Bühne. Auf der Straße. Ein Rohr aus Holz, das klang wie die Erde selbst atmet.

Ich wusste sofort: Das ist meins. Nicht weil ich es spielen konnte. Sondern weil es mich rief.

Die ersten Jahre spielte ich in Lima mit Manongo Mujica und Corina Bartra — zwei Künstler, die mich gelehrt haben, dass Musik keine Performance ist. Sie ist ein Dienst. Du dienst dem Raum. Du dienst den Menschen. Du dienst dem Moment.

Irgendwann reichte Lima nicht mehr. Zu viel Lärm. Zu wenig Stille. Ich reiste durch Lateinamerika — auf der Suche nach Klängen, die kein Buch kennt.

Und dann die Berge.

Ich zog nach Sacsayhuamán, nahe Cusco, auf 3.500 Meter. Inka-Ruinen. Andenwind. Sonnenuntergänge, die dich stumm machen. Dort lernte ich das Schweigen zwischen den Tönen kennen.

2017 begegnete ich Ash Dargan beim Qente Festival in Cusco. Qente — das ist Quechua für Kolibri. Klein, schnell, präzise. Ein Tier, das weiß, wo es hingehört.

Ash sagte mir etwas, das ich nie vergessen werde: "Spiel nicht das Instrument. Lass das Instrument dich spielen."

Seitdem ist meine Praxis anders. Ich lerne nicht mehr Techniken. Ich höre zu.

Heute lebe ich in Leipzig. Jeden Dienstag öffne ich den Raum im ZiMMT mit meinem Didgeridoo — und manchmal frage ich mich, wie ein Rohr aus Holz Menschen zum Weinen, zum Lachen, zum Tanzen bringen kann.

Ich habe keine Antwort. Aber ich spiele weiter.

Oscar Silva · Leipzig, Mai 2026